Stuttgart, Corona & die Zukunft der Architektur

ZUR PERSON

Matthias Stippich ist im ländlichen Raum aufgewachsen und hat nach seinem Abitur „Architektur und Stadtplanung“ an der FH Biberach studiert. Zur Architektur kam er durch sein Interesse daran abstrakte Zusammenhänge zu erkennen und auf räumliches zu projizieren. Während seines Studiums machte er sein Praxissemester im Büro Meldert und Binkert in Freiburg, dass sehr lehrreich für ihn war. Er lernte dort dem sozialen Anspruch gerecht zu werden und den verantwortungsvollen Umgang beim Wohnungsbau. Architektur habe die Aufgabe Umwelt für alle zu schaffen, sagt er. Die theoretischen Ansätze von Rem Kohlhaas prägten ihn und sein Verständnis von Stadt zu dieser Zeit sehr. 2005 erhielt er ein Stipendium für das Masterprogramm an der ETH Zürich. Das Wechselspiel zwischen den Siedlungsgrößen habe ihn beeindruckt, beides habe seine Vorteile sowohl das Leben auf dem Land als auch das in der Stadt. Von 2007 bis 2011 war er Teil des internationalen Doktorandenkollegs „Forschungslabor Raum“, das die Zukunft europäischer Metropolregionen erforscht. In diesem Zusamenhang promovierte er 2013 am Karlsruher Institut für Technologie. Seine Entscheidung zu promovieren war intuitiv, er wollte der Verantwortung gerecht werden komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen und Forschung zu betreiben. 2014 schloss er sich dann der Gründung des Büros „Echomar – Kollektiv für angewandte Baukunst“ in Oberkirch an. Das Echomar ist eine Kooperation mit dem Architekturbüros Müller+ Huber. Das Büro ist mit über 60 Mitarbeitern eines der leistungsstärksten und erfolgreichsten in Süddeutschland und plant Bauvorhaben in jeder Größe, im industriellen, öffentlichen und privatem Raum. Neben Wettbewerben hat sich das Echomar Kollektiv hauptsächlich auf die Leistungsphasen 1-4 spezialisiert. Matthias hat dort eine leitende Funktion und beschäftigt sich mit dem Entwerfen und der Vernetzung zur Wissenschaft. Außerdem trägt er maßgeblich dazu bei in welche Richtung sich die Architektur in seinem Umfeld stetig weiterentwickelt.  Seit 2014 ist Matthias akademischer Mitarbeiter von Prof. Markus Neppl im Fachgebiet Stadtquartiersplanung des KIT. 2015 erfolgte dann schließlich die Berufung in den deutschen Werkbund. Eines seiner Lieblingsprojekte ist das Vinotorium der Oberkircher Winzer, ein exemplarisches Beispiel für das Bauen auf dem Land. Es galt mit dem Gebäude eine Geschichte zu erzählen, Zukunft zu schaffen und alte Handwerkstraditionen digital zu überformen. Das sei bei diesem Projekt besonders gut gelungen, betont er. Durch das ständige pendeln zwischen Stadt und Land und der Digitalisierung, welche die Unterschiede dieser Welten immer mehr auf hebt, gibt es für ihn keine klaren Favoriten.

 

Worin liegt für Sie die besondere Herausforderung beim Bauen in der Stadt ? Worin liegt der Unterschied zum Bauen im Ländlichen ?

MATTHIAS STIPPICH »In der Stadt gibt es deutlich mehr Akteure, was das Bauen komplexer macht. Der soziale, räumliche und politische Kontext eingeschlossen. Aber das muss nicht zwingend ein Nachteil sein, komplexere Zusammenhänge verlangen ein tieferes eindenken. Auch der direkte Austausch mit Kollegen um soziale Netze zu spannen ist sicherlich ein Vorteil des städtischen Bauens. Auf dem Land ist das Bauen in einer Beziehung leichter, da es die komplexe Problemlage nicht zwingend im selben Umfang abbildet. Anknüpfungspunkte wie traditionelle Handwerkskunst die digital überformt werden können sind dabei leichter zu finden. Allerdings ist das Bauen auf dem Land nur schwer möglich ohne eine Verknüpfung oder das parallele Arbeiten in der Stadt, den dort er-leben und lernen wir stetig fortzuschreiten und sich weiterzuentwickeln«

 

Wer oder was beeinflusst Ihre Entwurfsentscheidungen, wenn Sie in der Stadt bauen und damit in den vorhandenen Kontext eingreifen ? Gibt es Vorbilder bzw. Theorien, die Sie besonders geprägt haben ?

MATTHIAS STIPPICH »Vorbilder und Theorien sind eher temporär zu werten.Um auf die unterschiedlichen Stadtgesellschaften und Situation reagieren zu können, bedarf es keinem klaren Vorbild. Das Verständnis von Stadt wurde bei mir durch Rem Kohlhaas geprägt. Der Umgang mit partizipativen Prozessen, also wie die Soziologie Einfluss auf die Planung nimmt, interessiert mich sehr. Mir ist es wichtig, dass die Menschen Teilhaben um Architektur in ihrer Stadt zu gestalten. Dabei gilt es allerdings zu differenzieren welche Einschränkungen es braucht um dabei zielgerichtet voran zu kommen.  .«

 

Viele Menschen finden unsere Städte unwirtlich. Was ist da Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren/ Jahrzehnten schief gelaufen und was muss die kommende Architektengeneration anders machen, um lebenswertere Städte, Häuser und Plätze zu entwerfen ?

MATTHIAS STIPPICH »Es ist wichtig die Menschen einzubringen und das Interesse für Stadt und Architektur zu wecken. Es galt schon in den 60-70er Jahren die Intention viel Wohnraum zu schaffen aber gleichzeitig hat das hangeln an städtische Großformen in den letzten Jahrzehnten viele Einschränkungen mit sich gebracht. Letztendlich gibt es kein Patentrezept für die richtige Mischung. Wir brauchen sozialen Wohnraum und sozialere Städte, das steht fest. Die Digitalisierung, die Wahrnehmung von Stadt und der öffentliche Raum unterliegen einem Wandel. Es ist eine große Chance, die digitale mit der analogen Öffentlichkeit zusammenzuführen. Eine Hauptaufgabe der kommenden Generation wird es unter anderem sein, an Grundverständnissen zu arbeiten.«

 

Was würden Sie (städte)baulich, architektonisch und strukturell in Stuttgart verändern, um die Lebensqualität in der Stadt zu verbessern ?

MATTHIAS STIPPICH »Stuttgart unterliegt einer sehr großen Eigendynamik. Ich sehe die Entwicklung eher mit externen Augen, da ich bisher nicht selbst dort gelebt habe. Ein Hauptproblem ist sicherlich der Verkehr, wobei es gerade in Stuttgart ein wirtschaftliches Interesse gibt den motorisierten Individualverkehr aufrechtzuerhalten. Das Klima im Kessel und die öffentlichen Räume könnten sich durch autoärmere Straßen deutlich verbessern. Außerdem sollte die Verdichtung, meiner Meinung nach, nicht an den Hängen sondern im Tal stattfinden. Das wäre auch in die Höhe denkbar um somit die prägende Silhouette die die Stadt rahmt, aufrechtzuerhalten. Der Flussraum des Neckars, der eher industriell geprägt ist, sollte nach und nach rückerobert und aufgewertet werden, damit sich Stuttgart um den Neckar herum entwickeln kann. Eine attraktive Lösung um die Lebensqualität zu verbessern. .«

 

Haben Sie dafür bestimmte Städte als Vorbild ? Von welchen Städten kann Stuttgart lernen ?

MATTHIAS STIPPICH »Wenn man die unterschiedlichen Problemstellungen außer Acht lässt, könnte Zürich eine Art Vorbild für Stuttgart sein. Gerade das Thema „waterfront“, wurde dort sehr gut umgesetzt. Dabei geht es nicht konkret um den See, sondern die Flussräume die lange und stark industriell geprägt waren und langsam rückerobert werden. Eine starke Verdichtung, die auch durch Hochhäuser generiert wird versucht dabei die Silhouette der Umgebung aufrecht zu erhalten. Außerdem bietet Zürich Nischen und Kontraste. Es gibt öffentliche Räume an denen experimentiert wird und die temporär genutzt werden. Das wäre auch ein mögliches Ziel für eine Stadt wie Stuttgart.«

 

Glauben Sie, dass die IBA 2027 die Region Stuttgart nachhaltig positiv verändern kann?

MATTHIAS STIPPICH »Der Erfolg der IBA ist sicherlich von einem klaren Thema abhängig. Es gab in der Vergangenheit positive Beispiele, bei denen unglaublich viel erreicht wurde. Dafür braucht es allerdings ein trennscharfes Thema das sukzessiv verfolgt werden muss. Stuttgart hat viele Anknüpfungspunkte und da-mit die Chance eine positive Veränderung anzustreben«

 

Glauben Sie, dass Ereignisse wie die Corona-Krise Auswirkungen auf Stadt und Architektur haben werden, bspw. indem Aspekte wie » der öffentliche und private Raum« nach der Krise einer anderen Bewertung unterworfen werden?

MATTHIAS STIPPICH »Wir sind gezwungen darüber nachzudenken, was Digitalisierung mit dem öffentlichen Raum macht. Menschliche Kontakte sind wichtig und ein wesentliches Merkmal von öffentlichen Räumen. Es ist wichtig, beide Themen verstärkt zu bedenken. Der öffentliche Raum wird uns künftig vielleicht zu Schade sein um darin Autos abzustellen oder Dinge zu tun, die sozialem Kontakt nicht förderlich sind. Wir sollten deshalb den öffentlichen Raum qualifizierter abbilden und gewollt schaffen. Gerade wir Architekten, die stark an physischen Objekten hängen, haben nun die Chance den Brückenschlag von digital zu ana-log fortzuschreiben. Es wird Weiterentwicklungen geben, in der wir reale und digitale Räume verbinden und die klassische Vorgehensweisen, wie man Stadt und Architektur entwickelt, überdenkt. Die Rahmenbedingungen haben sich geändert und Corona wirkt dabei wie eine Art Reaktionsbeschleuniger. Architektonisch, städtebaulich, politisch und sozial wird es Veränderungen geben. Eine große Chance für die Architektur und kommende Generationen.«

 

Interview: Sven Frammelsberger